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Reportage im Kurier:
Manche Touristen bevorzugen "Privatgemächer"
Für eine Großstadt eher ungewöhnlich: Private
vermieten Zimmer an Urlauber und Geschäftsreisende
Für Frieda Whitehead liegt der Fall klar: Wenn sie und
ihr Mann Terry nach Wien kommen, dann wohnen sie privat. Allerdings nicht bei
Familienangehörigen – die leben alle in England. Sondern in ihrem eigenen
Apartment. Denn die kleine Wohnung in der Stumpergasse ist zumindest für die
Dauer ihres Aufenthalt "ihre" Wohnung – auch wenn sie nur gemietet
ist.
"Schaun Sie", sagt sie, die vor 50 Jahren nach England ausgewandert
ist, ihre Wiener Herkunft aber dennoch nicht verleugnen kann – "schaun
Sie, wir waren natürlich auch in Hotels. Aber das ist nicht für uns. Hier
können wir tun und lassen, was wir wollen. Ich könnte sogar kochen, in der
Küche ist ja alles da, was man braucht." Ihr Mann nickt und fügt hinzu:
"Und wenn es zu kalt ist, dann sagen wir dem Herrn Walch, dass er die
Heizung aufdrehen soll."
MUNDPROPAGANDA
Der Herr Walch lächelt. Einerseits, weil er stolz auf
das Lob ist, andererseits, weil er weiß, dass die Zufriedenheit der Gäste und
die damit verbundene Mundpropaganda gerade in seinem Geschäft das Wichtigste
ist. Er vermietet Privatzimmer.
Auf dem Land, egal ob Sommer oder Winter, braucht man nicht lange suchen, um
einen Wimpel oder ein Schild zu entdecken, auf dem groß "Zimmer frei"
prangt. In der Stadt ist das anders. Da gibt es Hotels, auch Pensionen findet
man noch leicht. Aber Privatzimmer? Da wird es schwierig – obwohl es sie gibt.
Diese Erfahrung machte auch Erwin Kaminek, als er und seine Frau vor Jahren eine
Eigentumswohnung kauften – "als Pensionsvorsorge sozusagen." Weil
beide aber noch mitten im Arbeitsleben standen und immer noch stehen, war
Vermieten die logische Konsequenz. Dauermieter waren aber auch nicht der
Weisheit letzter Schluss. "Mit dem Gedanken, die Wohnung als Ferienwohnung
anzubieten, haben wir uns hingegen sofort anfreunden können", schmunzelt
Kaminek im Nachhinein. "Wie das geht, das haben wir aber nicht
gewusst."
Als Mann der Tat hängte er sich ans Telefon und rief andere Privatvermieter
durch. Auch den Herrn Walch, der schon Erfahrung hatte. Man kam ins Reden,
vereinbarte ein Treffen, und weil Kaminek ja ein Mann der Tat ist, wurde gleich
auch eine Interessensgemeinschaft gegründet. Aus der ist mittlerweile ein
Verein mit 37 Mitgliedern geworden.
"Größer wollen wir gar nicht werden", sagt Kaminek. Denn würden
mehr Mitglieder aufgenommen – und Bewerber sind vorhanden – wäre es mit der
Auslastung schwierig. Vor allem aber auch mit der Vermarktung.
Die lief von Beginn an über das Internet. "Wir haben sogar schon einen
Preis dafür bekommen", ist Kaminek stolz auf seine Idee. So können sich
potenzielle Mieter über die Wohnungen informieren – für wie viele Personen
sie geeignet sind, Ausstattung, Lage. Wohnungen, nicht bloß Zimmer. "Wir
haben uns alle auf Apartments spezialisiert", sagt Kaminek. Denn es sind
nicht nur Touristen, die das Angebot nutzen. "Es kommen zum Beispiel Leute
zu uns, die in Wien einen Kongress haben und ihre Familie mitnehmen
wollen." Aber auch im Fall einer Übersiedelung bietet sich eine
Privatwohnung als Zwischenquartier für einige Tage an. "Es kommen aber
auch Geschäftsleute, die sagen, sie können keine Hotel-Lobby mehr sehen",
spricht Walch aus Erfahrung.
Erfahrungen machen die Privatvermieter jeden Tag aufs Neue: Von Querulanten, die
mit nichts zufrieden sind bis hin zu Firmen, die ihre Mitarbeiter nur noch bei
ihnen wohnen lassen wollen. Oder, um mit den Worten einer Freundin Kamineks zu
sprechen, die immerhin 20 Jahre Vermiet-Erfahrung hat: "Du glaubst, du
weißt alles – du weißt aber gar nichts."
Mehr im Internet:
www.apartment.at
Der Artikel erschien am Sonntag, 5. Jänner 2003 im Chonik-Teil des Kuriers.
| Der
Journalist Werner Windhager (Kurier, Chronik) im Gespräch mit Familie
Frida (mit Schwester) und Terry Whitehead aus England im Apartment der
Familie Walch. |
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Josef
Walch
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STATISTIK: 3,3 Millionen Touristen jährlich in
Wien
Pro Jahr kommen rund 3,3 Millionen Nicht-Wiener nach
Wien – als Touristen, zu Geschäftszwecken, zu Kongressen. Manche bleiben
länger, manche nur für einen Tag, manche kommen mehrmals in die Stadt – in
Summe ergibt das über 7,7 Millionen Nächtigungen.
Der Großteil von ihnen nimmt Quartier in einem der mehr als 350 Hotels und
Pensionen mit ihren rund 40.000 Betten. Laut Tourismus-Statistik wurden im Jahr
2001 Drei- und Vierstern-Hotels und Pensionen bevorzugt – da gab es Zuwächse.
Jugendliche Reisende strömten in die Jugendherbergen, die ein Nächtigungsplus
von fast zehn Prozent aufweisen konnten.
Das Hauptgeschäft läuft in der warmen Jahreszeit von Mai bis September. Laut
Umfragen kommen die Gäste vorwiegend zum Flanieren – das steht zumindest an
der Spitze der Gründe für einen Wienbesuch. Vielleicht, weil sich das gut mit
dem Besuch von Museen, Ausstellungen einerseits und Restaurants und
Kaffeehäusern andererseits verbinden lässt – diese Gründe für einen Besuch
in Wien kommen im Ranking gleich als nächstes.
Werner Windhager
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Der Artikel aus dem Kurier |
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